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Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf

Jihadistische Radikalisierung von Jugendlichen in der Schweiz

In den internationalen Nachrichten waren in letzter Zeit regelmässig Schlagzeilen über gewalttätige terroristische Anschläge innerhalb von Europa durch radikalisierte Individuen zu lesen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie die Sicherheitslage in der Schweiz aussieht und was hinter solchen tragischen Vorfällen steckt.

Wir vom Jugendpsychologischen Dienst interessieren uns dabei insbesondere für die Situation der Jugendlichen. Sind diese in der Schweiz einer erhöhten Radikalisierungsgefahr ausgesetzt? Was können Anzeichen einer solchen Radikalisierung sein und welches sind Faktoren, die eine Radikalisierung begünstigen oder vor einer solchen schützen können? Es stellt sich zudem die Frage, wie solche Radikalisierungstendenzen präventiv angegangen werden können und wie eine allfällige Deradikalisierungsarbeit gestaltet werden könnte.

Um diese Fragen zu beantworten, ist es von zentraler Bedeutung, zu verstehen, was denn eigentlich geschieht, bevor eine terroristische Tat umgesetzt wird. In den Worten des Soziologen Sedgwick zu begreifen: «What goes on before the bomb goes off?».

Wie kommt es zu einer Radikalisierung?

Unterschiedliche Studien in der Schweiz belegen nicht nur die Ungleichstellung ausländischer Personen in Bildung und Beruf, sondern auch die Benachteiligung ausländischer Jugendlicher beim Zugang zu Ausbildung und Beruf unabhängig von deren sozialer Schicht. Hinzu kommt der hoch politisierte, ausgrenzende Diskurs um nationale Zugehörigkeit in der Schweiz, der gerade auch Kinder von Zuwanderern trifft. Solche ausgrenzenden Faktoren und Strukturen spielen bei der Hinwendung zu gewaltorientierten islamistischen Positionen eine zentrale Rolle. Extremistische Gruppierungen finden oft mit einer Viktimisierungs- oder Opferideologie einen ersten Zugang zu Jugendlichen. Der Salafismus holt dabei Jugendliche mit seinen Identitäts- und Aufwertungsversprechen ab, spricht ihr Gerechtigkeitsempfinden an und vermittelt ihnen, zu einer grossen Gemeinschaft mit einem exklusiven Wahrheitsanspruch zu gehören.

Faktoren und Anzeichen einer Radikalisierung

In biographischen Analysen zeigt sich meist klar, dass die Entscheidung zur Konversion, also zum Übertritt in eine fundamentalistische Ausrichtung des Islams, mit vorgängigen persönlichen Krisensituationen zusammenhängt. So wird diese Konversion zu einer ordnenden und vereinfachenden Weltwahrnehmung und Sinnstiftung für die individuelle Lebensgestaltung. Wie verschiedene Konversions-faktoren bei einzelnen Jugendlichen zusammenwirken, muss jedoch individuell betrachtet und verstanden werden. Ein typisches «Profil» radikalisierter Personengruppen konnte bisher nicht gefunden werden. Im Gegenteil belegen verschiedenen Studien eine grosse Heterogenität in Bezug auf soziale Herkunft, Bildung und sozioökonomischen Status der betroffenen Personen.

Doch welche Anzeichen können erste Hinweise einer Radikalisierung sein? In diesem Zusammenhang hat die französische Behörde eine Sammlung einiger Indikatoren publiziert, welche auf eine Radikalisierungstendenz hinweisen können. Diese sind Zusammengefasst:

  • Rückzug aus dem alten Freundeskreis und der Familie
  • Änderung der Ernährungsgewohnheiten
  • Schulverweigerung
  • Ablehnung westlicher Musik und Kulturgüter (z.B. Fernsehen, Kino)
  • Abbruch von (sportlichen) Vereinsaktivitäten
  • Veränderung der Kleidung
  • Zunehmender Besuch von Internetseiten mit radikalisierten Inhalten

Präventions- und Deradikalisierungsarbeit

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass das Problem von jihadistisch motivierten Reisenden in Konfliktgebiete in der Schweiz im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern weniger ausgeprägt ist. Gleichzeitig fehlen jedoch zivilgesellschaftliche Strategien mit gezielten Präventions- und Interventionsmassnahmen. Hier kann zwischen Deradikalisierungs- und Präventionsarbeit unterschieden werden. Präventionsarbeit ist breiter und allgemeiner anzusiedeln und es geht darum, Jugendlichen zu ermöglichen kritisch zu denken und Ihnen Wissen zu vermitteln, damit sie gegen radikale Angebote immunisiert werden. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Pädagogik für Ihre zentrale Rolle in der Präventionsarbeit und gegebenenfalls auch die Lehrpersonen für die frühzeitige Erkennung radikaler Tendenzen unter Jugendlichen zu sensibilisieren.

Deradikalisierungsarbeit hingegen wird mit einer spezifischen Zielgruppe, nämlich den bereits radikalisierten Personen, durchgeführt. Diese besteht meist in einer intensiven Begleitung der betroffenen Person und deren Angehörigen, wobei es kein allgemeingültiges Rezept für diesen Prozess gibt. Aus den Erfahrungen der Beratungsstelle Hayat in Deutschland hat sich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Islamwissenschaftlern, Psychologen, Therapeuten sowie Politik- und Religionswissenschaftlern bewährt, wobei die hilfesuchende Person meist von einer Beratungsperson begleitet wird. Es bedarf dabei des Engagements aus unterschiedlichen Bereichen und manchmal scheitert der Versuch der Deradikalisierung trotz allen Bemühungen.

Bis anhin wurden am Jugendpsychologischen Dienst der Beratungsdienste Aargau keine radikalisierten Jugendliche beraten oder begleitet, da es keine Anmeldungen mit diesen Themen gab. Dennoch scheint es uns in der aktuellen Zeit wichtig, sensibel für diese Thematik zu bleiben um bei Bedarf professionell reagieren zu können.

Text: Dominique Speck, Jugendpsychologe

 

Alle Inhalte dieses Beitrags beruhen auf folgender Literatur:

Daviolo, M. E. et al. 2015: Hintergründe jihadistischer Radikalisierung in der Schweiz. Eine explorative Studie mit Empfehlungen für Prävention und Intervention. Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Online unter www.zhaw.ch/sozialearbeit

Mansour, A. 2016: Wenn Jugendliche radikal werden. Radikal-islamistisch motivierte Gewalt stellt die westliche Gesellschaft vor Herausforderungen. In Psychoscope 3/2016 (s. 10 - 13).

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